Alles andere ist nur Radio

Am Fenster
City

03.05.2020 muenic
2 Min. Lesezeit
Als die Ost-Berliner Band City 1974 ihren späteren Hit "Am Fenster" komponierte, war die Verfasserin dieser Zeilen noch nicht geboren - ja, noch nicht mal in Planung. 1977 hat es dann nach dem persönlichen Einsatz eines westdeutschen Musikproduzenten die damalige DDR begeistert und ein Jahr später auch die Bundesrepublik. Dieses Lied war unglaublich erfolgreich, 1978 sogar bis nach Griechenland und später weltweit, insgesamt wurden 10 Millionen (!) Tonträger verkauft; inzwischen wurde es freilich schon zigfach gecovert. Die Originalversion hat es laut meinen Recherchen trotz des Erfolges nicht in die deutschen Charts geschafft. Das liegt wahrscheinlich daran, dass "Am Fenster" in jeder Hinsicht den damaligen wie heutigen Mainstream verfehlt: es gibt keinen klassischen Refrain, es ist knapp sieben Minuten lang und es ist musikalisch wie textlich keine "seichte" Unterhaltung, woran sich seinerzeit das ostdeutsche Plattenlabel Amiga störte und das gute Stück deswegen zunächst nicht veröffentlichen wollte.
Das Lied lief mir erst vor ca. 20 Jahren durch Zufall in der Urversion* über die Ohren und ich war sofort begeistert ob der musikalischen Kreativität und des lyrischen Textes, der von dem Gedicht "Am Fenster" der Leipziger Schriftstellerin Hildegard Maria Rauchfuß stammt. Der Text ist sehr mystisch-melanchonisch und wirkt in der ersten Strophe ziemlich farbenreich (Nacht, Farbenschmelz, Kerzenschimmer, Grau des Morgens), was nach alter lyrischer Tradition ein Spiegel des Inneren darstellt. Die dritte Strophe hingegen ist geprägt von Sehnsuchtsbildern ohne konkret zu werden - dies war bei den ostdeutschen Gruppen an der Tagesordnung, denn man musste die DDR-Zensur umgehen. Aber wie das in der Lyrik so ist: Andeutungen sind schöner und lassen viel mehr Raum für Interpretationen. So kann man den Text dahingehend interpretieren, dass es sich um einem Menschen auf der Innenseite eines Fensters handelt, der sich nach bleibender, tief fühlender Liebe sehnt oder aber dass es eine versteckte Regimekritik beinhaltet, da der Wunsch nach Freiheit besungen wird ("Klagt ein Vogel, acht auf mein Gefieder. Nässt der Regen, flieg ich durch die Welt."). Letzteres ist meiner Meinung nach wahrscheinlicher.
Neben dem Text spielt das folkloristische und ausgezeichnete Geigenspiel von dem aus Bulgarien stammenden City-Bassisten Georgi Gogow eine entscheidende Rolle. Die Basis des Songs ist zunächst frei-rhythmisch und die Geige improvisiert dazu gekonnt mit Melodiefloskeln, die aus der bulgarischen Folklore stammen. Man hört deutlich, dass Georgi ein ausgebildeter Geiger ist, der zugleich die Jazz-Geige beherrscht. Ein weiteres Jazz-Element sind die improvisierten Scat-Silben, die als zweite Strophe vom City-Sänger Toni Krahl mit seiner rauhen Stimme eingesetzt werden und sich mit Georgi ein perfekt arrangiertes, kurzweiliges Scat-Geigen-Duett liefert. Das danach einsetzende, zweieinhalb-minütige Geigensolo ist einfach nur... nun, ich sag's mal, wie es ist: genial. Es verleiht dem Song erst seinen Biss und Drive. Bis auf den Beat, der hörbar aus den siebziger Jahren stammt, ist dieses Lied zeitlos und handwerklich professionell gemacht. Für mich ist es zurecht ein erfolgreicher Klassiker, der - wenn man den Youtube-Kommentaren glauben darf - auch heute noch sogar junge Menschen begeistert.
Übrigens: 2015 wurde "Am Fenster" von der immer noch aktiven Band neu aufgenommen. Nun, ich kenne die Urversion seit Jahren und kann der aktuellen Version nicht viel abgewinnen, zumal hier das oben erwähnte Geigensolo fehlt, das für mich einfach dazugehört. Aber lass Dich nicht von meiner Meinung abschrecken und mach Dir einfach selbst ein Bild.
 
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Es gibt noch ein vierminütiges "Radio-Edit" sowie eine Extended-Version von gut 17 Minuten Länge. Letztere diente aufgrund der damals mangelnden Anzahl an weiteren Songs als "Album-Füller".
 
 
 
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